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Lärmaktionsplan der Stadt Fellbach vertagt

Man soll Autos ausbremsen – nicht die Verbesserung!

Für den Verkehrsclub Deutschland VCD ist es enttäuschend, dass in Fellbach Sachverhalte diskutiert werden müssen, die andernorts längst offensichtlich sind.
Dieses Mal hat der Fellbacher Gemeinderat den längst überfälligen Lärmaktionsplan der Stadtverwaltung auf Eis gelegt, weil die konservativen Fraktionen Tempobeschränkungen ablehnen. Es sind lärmgeplagte Bürgerinnen und Bürger, die davon profitieren würden, jedoch die „bürgerliche“ Gemeinderatsmehrheit bremst lieber Verbesserungen aus als Autos. Diese Blockadehaltung ist umso unverständlicher, als eine Verkehrsberuhigung durch Tempo 30 eine ganze Reihe von weiteren Vorteilen mit sich bringt.
Das ist im Schnitt nicht nur die Halbierung des Verkehrslärms – in der üblichen logarithmischen Skala entspricht das „nur“ 3 Dezibel – sondern auch ein Sicherheitsgewinn. Auf Tempo-30-Strecken ereignen sich weniger Unfälle und sie sind seltener schwer.
In der Stadt führt Tempo 30 auch zur Verstetigung des Verkehrsflusses. Mit weniger und kürzeren Beschleunigungsvorgängen gibt es weniger Stau, weniger Spritverbrauch und somit weniger Luftschadstoffe und CO2 – das ergeben zumindest zahlreiche wissenschaftliche Studien.
Das alles führt zu einer verbesserten Aufenthaltsqualität und stärkt Handel und Gastronomie – bei sehr überschaubaren Kosten.

OPA soll’s richten

Als Gegenvorschlag wurde „Flüsterasphalt“ genannt. Offensichtlich ist manchen nicht bekannt, dass OPA, das ist Offenporiger Asphalt, so die Fachbezeichnung, nur bei höheren Geschwindigkeiten lärmmindernd wirkt. Und das auch nur, solange der Belag nicht verschmutzt ist. Er ist teurer, empfindlicher, muss häufiger gepflegt und erneuert werden. Eine Maßnahme also, die in der Stadt kaum hilft und den Steuerzahler unnötig belastet, frei nach dem Motto: „Egal was es kostet, Hauptsache man kann schnell fahren“. Auch die anderen bereits genannten Vorteile einer Temporeduktion würden durch OPA nicht eintreten. Es wäre also rausgeschmissenes Geld. Kann das dem Gemeinderat egal sein?
Vermeintliche Auswirkungen auf Blaulichtfraktion
Und noch ein Wort zum vermeintlichen Ausbremsen von Rettungsdiensten durch Tempo 30. So plausibel dieses Argument klingt, so auffällig ist, dass es schon seit Jahren in vielen Kommunen als schweres Geschütz gegen Verkehrsberuhigung herhalten muss. Ohne Beleg bleibt es aber eine bloße Behauptung – eine solche Behinderung konnte bislang nirgendwo plausibel nachgewiesen werden. Es gibt aber einen anderen Faktor, der nachweislich und massiv zu schweren Verzögerungen bei Rettungseinsätzen führt: Das sind falsch geparkte Fahrzeuge. Wem die Einsatzfähigkeit der Feuerwehr am Herzen liegt, der sollte sich also vor allem dafür einsetzen, dass Falschparker konsequent – auch abends und am Wochenende – aus Kreuzungsbereichen und Feuergassen abgeschleppt werden. Das würde nicht nur der Feuerwehr nutzen, sondern auch alle Bürgerinnen und Bürger erfreuen, die nicht gezwungen wären, mit Kinderwagen oder Rollator auf die Fahrbahn auszuweichen.

Zu guter Letzt – Auswirkungen von Verkehrsberuhigung und Radinfrastruktur auf Aufenthaltsqualität und innerstädtischen Handel

Die Vertreter des Fellbacher Gewerbes wehren sich vehement gegen Tempolimits und Radwege. Sie argumentieren, „ihre Kunden“ kämen nun mal vor allem mit dem Auto und bräuchten Parkplätze. Erfahrungen anderer Städte in aller Welt zeigen: von ruhigen Straßen mit weniger Autos profitieren nicht nur Radfahrer:innen, sondern alle. Selbst der Autoverkehr fließt häufig besser, es gibt seltener Staus – und viel weniger Unfälle.
Als Beispiel sei nur genannt: Der Gewerbeverein in Vancouver spendet 15.000 $ an Radfahrverbände für das Engagement beim Einrichten von Radwegen in einer Einkaufsstraße. Wann ist der Gewerbeverein in Fellbach so weit um zu erkennen, dass nicht Parkplätze gegen den Druck des Online-Handelns helfen, sondern die Freude am Flanieren und Radfahren die Kunden wieder in die Läden bringt?

Studien, Quellen

Schweizer Studie zu Lärmreduktion durch Tempolimits unter realen Bedingungen:
https://www.cerclebruit.ch/studies/vreduktion/0676_2_Tempo30_AG_ZH_defintiv.pdf

Wissenschaftlicher Dienst des Bundestags zur Reduktion von Schadstoffen (NOx, Feinstaub) unter realen Bedingungen infolge der Verstetigung des Verkehrsflusses (Kap. 2.4):
https://www.bundestag.de/resource/blob/670978/11c58eeb3377baed5971fee5a17e2b72/WD-8-102-19-pdf-data.pdf

Feinstaub: Temporeduktion reduziert PM10:
https://bast.opus.hbz-nrw.de/opus45-bast/frontdoor/deliver/index/docId/134/file/V189.pdf

Sammlung vieler Argumente mit Studien zu Tempolimit:
https://www.quarks.de/technik/mobilitaet/faq-tempolimits/

Kurze Zusammenfassung Vorteile von T30:
https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/%C3%BCber-die-vorteile-von-tempo-30-in-st%C3%A4dten

Haupthindernis für Rettungsdienste: Falschparker:
https://www.welt.de/regionales/nrw/article181802150/Immer-mehr-Falschparker-behindern-Feuerwehreinsaetze.html

Einfluss T30 auf Rettungsdienste unklar:
https://bnn.de/pforzheim/wie-sich-tempo-30-in-pforzheim-auf-blaulicht-fahrten-auswirken-koennte

Gewerbeverein Vancouver fordert Radweg in Einkaufsstraße und spendet für Radverband:
https://www.cbc.ca/news/canada/british-columbia/downtown-bia-moves-from-disapproving-to-supporting-cycling-1.4173921
https://vancouver.citynews.ca/2015/05/27/downtown-vancouver-businesses-attitudes-towards-bike-lanes-have-changed-in-the-last-five-years/

13-jährige Studie aus 12 Städten: Sichere Radinfra macht Stadt sicherer für alle (nicht nur für Radfahrende):
https://usa.streetsblog.org/2019/05/29/protect-yourself-separated-bike-lanes-means-safer-streets-study-says/
 
 
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